Wenn es um die Standortvorteile einer Immobilie geht, sind damit meist gute Verkehrsanbindung oder starke Wirtschaft vor Ort gemeint. Für uns gehört aber auch die Möglichkeit dazu, Erholung im direkten Umfeld eines Wohnorts zu finden. Wer im bayerischen Oberland wohnt, lebt da, wo andere Urlaub machen: Klare Badeseen, schöne Dörfer und Städte oder reizvolle Wander- und Fahrradrouten sind nie weit. Mit dieser Serie möchten wir auf die so genannten „weichen Standortfaktoren“ unseres Wirkungsbereichs hinweisen und ganz nebenbei lohnenswerte Ziele für den Miniurlaub vor der Haustür präsentieren.
Mitten im Hardt, einem ausgedehnten Waldgebiet östlich von Weilheim, gibt es eine abgelegene Kapelle, direkt auf der Flurgrenze zum Wielenbacher Gemeindeteil Haunshofen. Die düsteren Legenden, die sie umranken und vor allem im nebligen Herbst zu einem beliebten Ziel für Gruselfans machen, spielen zur Osterzeit gottlob keine Rolle. Im Gegenteil: Wenn sich der Frühling Bahn bricht, ragt ihr spitzer Turm hoffnungsvoll zwischen austreibenden Bäumen in den Himmel. Das 1865 in seiner heutigen Form erbaute Kirchlein ist ganzjährig ein schönes Ziel – besonders aber zur Osterzeit.
Sie markiert das Ende eines Kreuzwegs, der vor allem während der Kartage von Gläubigen besucht wird. Für alle, die mit dem Begriff wenig anfangen können: Ein Kreuzweg ist eine Hilfe zur Andacht. Entlang eines Weges in der Natur oder im Rund eines Kirchenschiffs ist die Passion Christi mit einzelnen Bildstöcken, Bildern oder Skulpturen dargestellt. Die Darstellungen sollen helfen, die überlieferten Geschehnisse nachzuempfinden, die vor gut 2000 Jahren auf dem Berg Golgota ihren Höhepunkt fanden und für die kompromisslose Hingabe des Gottessohnes stehen. Meist haben sie 14 Stationen – so wie dieser Kreuzweg, der von Richtung Bauerbach aus steil ansteigend durch den Wald zur Hardtkapelle führt.
Sein Verlauf aus einer schattigen Senke heraus durch den Wald passt zu den Kernaussagen der biblischen Passion: Der Gläubige beginnt im Halbdunkel seinen Weg, meditiert anhand der Bildstöcke über Folter und Hinrichtung Jesu und tritt anschließend aus dem Schatten ins Licht. Ein perfektes Sinnbild, das auf die bevorstehende, nicht dargestellte Auferstehung hinweist. Auch wer keinen Bezug zu Glauben oder Religion hat, wird dem Weg durchs Dunkel zum Licht etwas abgewinnen können. Besonders, weil sich der kleine, naturbelassene Platz um die Kirche herum auch wunderbar dazu eignet, zur Ruhe zu kommen, zu meditieren oder sich schlicht die Frühlingssonne aufs Gesicht scheinen zu lassen.
Wer die Ruhe, die der uralte Ort inmitten der bewaldeten Hügellandschaft westlich des Starnberger Sees ausstrahlt, mit einem weiteren Spaziergang verbinden möchte, kann das ohne weiteres tun. Ein Wanderweg, der seinen Anfang auf der anderen Straßenseite hat, führt durch das Naturschutzgebiet „Magnetsrieder Hardt“ – einen der schönsten Plätze in der Natur des Pfaffenwinkels. Die Mehrzahl seiner botanischen Schätze zeigt sich meist erst später im Jahr – auf den nährstoffarmen Böden der von Gletschern geprägten Landschaft gedeihen unter anderem der fleischfressende Sonnentau, die seltene Sumpfgladiole oder das Knabenkraut – aber auch im Frühjahr hat der Pfad entlang eines Höhenzugs einiges zu bieten. Fantastische Ausblicke auf die weich geschwungene, parkähnliche Landschaft und die meist noch spektakulär weiß verschneiten Gipfel der Alpen. Die zart durchs hellgrüne Gras der Wildblumenwiesen blitzenden Frühjahrsblüher garnieren das Panorama mit österlichen Farbtupfern.
Tipps: Direkt vor der Hardtkapelle gibt es einen Wanderparkplatz. Wer einen Fahrradträger am Auto hat, kann hier auch umsteigen und in einer guten halben Stunde nach Bernried am Starnberger See radeln.
Die Originalversion dieses Texts ist in dem Buch „Kontraste im Pfaffenwinkel: Geistlichkeit und Genuss“ (Christoph Ulrich, Gmeiner Verlag, 2015) entnommen, exklusiv für „Anders Wohnen“ gefasst und unterliegt dem Urheberrecht. Nachdruck und Vervielfältigung sind ausdrücklich verboten. Bildrechte: Christoph Ulrich



