Wenn es um die Standortvorteile einer Immobilie geht, sind damit meist gute Verkehrsanbindung oder starke Wirtschaft vor Ort gemeint. Für uns gehört aber auch die Möglichkeit dazu, Erholung im direkten Umfeld eines Wohnorts zu finden. Wer im bayerischen Oberland wohnt, lebt da, wo andere Urlaub machen: Klare Badeseen, schöne Dörfer und Städte oder reizvolle Wander- und Fahrradrouten sind nie weit. Mit dieser Serie möchten wir auf die so genannten „weichen Standortfaktoren“ unseres Wirkungsbereichs hinweisen und ganz nebenbei lohnenswerte Ziele für den Miniurlaub vor der Haustür präsentieren.
Jedes Jahr um die gleiche Zeit vervielfacht Dießen seine Einwohnerzahl: Um Christi Himmelfahrt herum ist das Künstlerdorf am Ammersee Schauplatz eines der schönsten und vielfältigsten Töpfermärkte Europas. Gezeigt wird alles – von zeitgenössischer Keramikkunst bis Gebrauchskeramik für Haushalt und Garten. Nach Angaben der Gemeinde lockt der Markt jährlich über 60.000 Besucher an den Ammersee. Ausstellungen in historischen Gebäuden wie dem Taubenturm, dem „Tradtcasten“ am Marienmünster oder im Keramikmuseum Lösche flankieren das bunte Treiben an der Seepromenade.
Allerdings ist Dießen mehr als einen Besuch wert. Insofern lohnt es sich, gleich nochmal vorbeizukommen. Beispielsweise, wenn die Händler abgereist und die Koffer der kunstsinnigen Gäste gepackt sind – etwa in den Pfingstferien. Dann nämlich lässt sich bei einem Spaziergang durch den Ort herausfinden, wieso ausgerechnet hier überhaupt ein derart großer Töpfermarkt entstehen konnte. Die Antwort findet sich in der Vergangenheit. Anhand von Artefakten ist belegt, dass hier das historische „plab und weiss“-Geschirr seinen Ursprung hat: blau bemaltes, weißes Keramikgeschirr. Die Mönche des im 9. Jahrhundert entstandenen Augustinerchorherrenstifts förderten die Ansiedlung von Handwerkern. Die nahen Tongruben in der Gegend um Dießen riefen Hafner auf den Plan, die das Töpferhandwerk im 17. und 18. Jahrhundert perfektionierten. Der Markt selbst geht auf einen Keramiksammler zurück: Arthur Sudau lud 1978 erstmals auf sein Gartengrundstück in den Dießener Ortsteil St. Georg, unweit des Augustinerchorherrenstifts – der Beginn einer waschechten Erfolgsgeschichte.
In Dießen gibt es aber noch sehr viel mehr zu entdecken als Keramikkunst. Natur zum Beispiel: Auf dem Beobachtungsturm am Naturschutzgebiet „Vogelfreistätte Ammersee-Südufer“ unweit des Sportplatzes, wo sich ein großer Parkplatz als Ausgangspunkt anbietet. Mit einem Fernglas lässt sich von hier aus die vielfältige Vogelwelt im Seeried erspähen. Oder hören, wenn zum Beispiel die Rohrammer ihrem volkstümlichen Namen alle Ehre macht: Rohrspatz. Ihr vernehmliches Schimpfen im Nacken, führt der Weg zurück zum Sportplatz und weiter, vorbei am mit stilvoll renovierten „Strandhotel Suedsee“. Wobei: Vorbei wäre verkehrt; auf seiner Terrasse lässt es sich gut aushalten. Schließlich soll der Dießen-Besuch nicht in Arbeit ausarten. Mit etwas Glück hat sogar Sabine Frey, die „Kuchenfee vom Ammersee“, das Hotelrestaurant mit ihren Kreationen versorgt: „Schoko Mousse Hüftgold Torte“ oder „Erdbeer Schmand Tarte“ halten, was ihre volmundigen Namen versprechen. Nach der delikaten Kaffeepause geht’s weiter an die Seepromenade und durch eine kleine Unterführung in den Ort hinein.
In den verwinkelten Gassen des ehemaligen Fischerdorfs lässt sich so einiges entdecken. Die Erzeugnisse von Kunsthandwerkern beispielsweise, denn Dießen ist nicht nur während des Töpfermarkts ein Künstlerort. Hinter den Fassaden der historischen Fischerhäuser gehen Maler, Bildhauer, Kunsthandwerker oder Musiker ihrer Arbeit nach; die kleinen Läden haben die Erzeugnisse in den Schaufenstern. Nach einem ausgiebigen Bummel durch Buchläden, Blumengeschäfte, Bäckereien oder Galerien ist eine Mini-Bergtour im Ort angesagt: hoch in Richtung St. Georg, wo das Marienmünster über dem Ort thront. Die barocke Wucht, die es zu einem der wichtigsten Kunstwerke des bayerischen Barock neben der Wieskirche macht, weiß auch beim wiederholten Mal zu faszinieren. Wer nach Aufstieg und Kirchenkunst Durst bekommen hat, ist im Chorherrnstüberl, direkt neben dem Portal, gut aufgehoben: Hier gibt’s Erfrischungen, unter anderem Bier, das stilecht in weißen Krügen mit Deckel serviert wird.
Tipp: In diesem Jahr findet der Dießener Töpfermarkt von 14. bis 17. Mai statt. Von 10 bis 18 Uhr stellen Keramikaussteller von Tallinn bis Barcelona an den Seeanlagen ihre Werke aus. Angekündigt sind Teilnehmer aus Deutschland, Belgien, England, Estland, Frankreich, Italien, Niederlande, Österreich, Slowenien, Spanien und der Tschechischen Republik. Es empfiehlt sich die Anreise mit den Öffentlichen: die Deutsche Bahn bedient Dießen auf der Linie Weilheim – Augsburg, der Ammerseedampfer fährt Dießen von Stegen oder Herrsching an. Wer aufs Auto angewiesen ist, kann bis zu Auffangparkplätzen an den Ortseingängen fahren und per Shuttlebus zur Veranstaltung gelangen.
Die Originalversion dieses Texts ist in dem Buch „Kontraste im Pfaffenwinkel: Geistlichkeit und Genuss“ (Christoph Ulrich, Gmeiner Verlag, 2015) entnommen, exklusiv für „Anders Wohnen“ gefasst und unterliegt dem Urheberrecht. Nachdruck und Vervielfältigung sind ausdrücklich verboten. Bildrechte: Christoph Ulrich




