Anders unterwegs– Englische Landschaftsparks – man kann das hierzulande im Englischen Garten in München oder im Bernrieder Park erleben – sind nach der Idee gestaltet, ein begehbares Landschaftsbild zu erschaffen. Sie sind naturnah angelegt, zeichnen sich durch geschwungene Wege, den Wechsel aus solitär stehenden Bäumen und kleinen Wäldchen aus und verfügen über Sichtachsen. Während in München oder Bernried der Architekt Mitte des 19. Jahrhunderts Carl Effner hieß, ist der Urheber eines ganz besonders schönen Parks im Osten von Weilheim die Natur selbst. Genauer gesagt: ein Gletscher, und das vor über 10.000 Jahren.
Die kolossalen Eismassen des Isar-Loisach-Gletschers schoben jene Wallmoräne auf, die Weilheim von Osten her umgibt und heute einer der schönsten Flecken in der Kreisstadt ist: Das Gögerl und, dahinter, der direkt angrenzende Hechenberg sind genau so gestaltet, wie sich die britischen Parkplaner im 18. Jahrhundert eine romantische Naturlandschaft vorgestellt haben: Ein grün bewaldeter Höhenzug, dessen Hänge in Richtung Stadt weich auslaufen. Kleine, weich geschwungene Hügel gehen über in überwiegend naturbelassene Magerwiesen, auf denen einzelne, stattliche Bäume stehen. Das Wechselspiel aus kleinen Wäldchen, geschwungenen Spazierwegen und stattlichen Eichen ist eine Szene, die sich auch bei jahrzehntelangem Genuss nicht abnutzt. Kurz: Das Gögerl ist ein Grund, lange Spaziergänge zu allen Jahreszeiten zu unternehmen.
Am schönsten ist es ganz eindeutig im Spätsommer. Das feurige Farbspiel, das durch Büsche, Laub- und Nadelbäume lodert, ist unvergleichbar. Dann – und nicht nur dann – empfiehlt sich die „große Gögerlrunde“, ein Spaziergang, der zunächst auf den Hechenberg führt. Nach einem steilen Anstieg, vorbei an einem Gasthaus mit Biergarten, geht’s durch einen wunderschönen Mischwald, dann vorbei an den Weilheimer Trinkwasserspeichern durch einen kleinen Wald. Am höchsten Punkt des Gögerls angekommen, tut sich an klaren Tagen ein phänomenales Panorama in Richtung Berge auf. Von hier aus kann es weiter auf den direkt angrenzenden Hechenberg gehen – oder zurück zum Parkplatz, über eine Magerwiese. Deren seltene und geschützte Bewohner sind nicht unschuldig daran, dass das Gögerl als Biotop gelistet ist.
Es gilt, auf fliegende Untertassen zu achten: Nicht UFOs, sondern Frisbees können einem hier um die Ohren sausen – schließlich befindet man sich auf dem Kurs des Weilheimer Disc-Golf-Vereins „Bavarian Airhawks“. Auf 18 Bahnen können auch Nicht-Mitglieder trainieren, während Spaziergänger nebenan die Sonne genießen. Das Schöne an der Westlage der Gögerl-Wege: Hier ist auch nach Feierabend noch lange Sonne, um wunderbare Abende in einem dreidimensionalen, sehr cineastischen Landschaftsbild zu genießen.
Tipps: Wer auf dem Hechenberg einem Wegweiser in den Wald hinein folgt, findet die erhaltenen frühmittelalterlichen Wallanlagen der Gögerlburg.
Die Originalversion dieses Texts ist in dem Buch „Kontraste im Pfaffenwinkel: Geistlichkeit und Genuss“ (Christoph Ulrich, Gmeiner Verlag, 2015) entnommen, exklusiv für „Anders Wohnen“ gefasst und unterliegt dem Urheberrecht. Nachdruck und Vervielfältigung sind ausdrücklich verboten.
