Anders unterwegs– Wen das Gefühl beschleicht, bei sommerlichem Kaiserwetter seiner royalen Seite auf die Spur zu gehen, kann sich natürlich die Ansteherei vor den Schlössern Neuschwanstein, Nymphenburg oder Linderhof antun. Schöner, und dem erwähnten Wetter weitaus mehr entsprechend, ließe sich aber auch ein Tag am Starnberger See verbringen. Im Bernrieder Park gibt’s beispielsweise die Spuren von altem Bier-Adel, Prunk, ein Schloss, weiße Hirsche, tolle Bademöglichkeiten und nicht zuletzt einen Landschaftspark, der von 1853 bis 1863 vom Münchener Oberhofgärtner Carl und später seinem Sohn Carl-Josef von Effner angelegt wurde. Sie nahmen sich englische Landschaftsgärten zum Vorbild, die wie begehbare Landschaftsgemälde gestaltet sind. Dieser Gedanke lässt sich anschaulich auf den verschlungenen Seewegen zwischen dem Buchheim Museum und Schloss Höhenried nachvollziehen.
Der Weg führt vorbei an einer Kaskade von Weihern, durch kleine Waldstücke und führt vorbei an sorgsam freigelegten „Fenstern“. Sie geben erhebende Blicke durch das Buschwerk auf das tiefe Blau des Wassers, das gegenüber liegende Ufer und die Alpenkette frei. Kleine Terrassen im Schatten eignen sich nicht nur als Fotomotiv; auf ihre breiten Geländer gestützt den Gedanken nachzuhängen, hat beinahe therapeutische Wirkung. Wer aufmerksam weiterspaziert, kann die sorgsam geplanten Sichtachsen erkennen, die nacheinander den Blick auf mächtige freistehende Bäume freigeben. Dieser Teil des Parks ist sicherlich der romantischste Platz, der am Starnberger See der Öffentlichkeit zugänglich ist: Steinbrücken schlagen ihren Bogen, Seerosenblätter und von Efeu umrankte Steinputten zieren die Wege. Romantisch gelegene Parkbänke und nicht zuletzt einer der schönsten Badeplätze am Starnberger See machen den Schlosspark zu einem Ort, an dem es sich gut aushalten lässt.
Spätestens, wenn das stattliche Höhenrieder Schloss in Sicht kommt, stellt sich die Frage, wie es eigentlich hierher kommt. Und vielleicht viel interessanter: Warum es in Sichtweite ein Gehege mit weißen Hirschen gibt. Diese Geschichte ist, es wird nicht verwundern, eng mit der des Parks verwoben und geht weniger auf blaues Blut als auf echten Bier-Adel zurück: Wilhelmina Busch aus Saint Louis. Die 1952 verstorbene Anheuser-Busch-Erbin wird in Bernried bis heute noch manchmal „die gnädige Frau“ genannt – sie ist die Stifterin des Parks und die Erbauerin des Schlosses. Es verwundert ein bisschen, wieso noch kein Studio darauf gekommen ist, ihr Leben zu verfilmen. Ein unterhaltsames Drehbuch, großartige Bilder und menschliche wie politische Tiefe gäbe es sicherlich her.
Ihre Geschichte beginnt, genau genommen, mit der ihres Vaters Adolphus Busch. In den 1850er Jahren entschloss sich der gebürtige Hesse, sein Glück in der neuen Welt zu suchen. Obgleich der damals kaum volljährige Mainzer keine rechte Ahnung vom Bierbrauen hatte, wurde er knapp zwei Jahrzehnte später als Mitbegründer der Brauerei-Dynastie Anheuser-Busch zu einem der reichsten US-Amerikaner seiner Tage und sogar zum „Weltbierkönig“ gekrönt. Als solcher setzte er jede Menge Thronfolger in die Welt: über zehn Kinder, die jüngste war Wilhelmina „Minnie“ Busch.
Ihre Schönheit und Vaters Vermögen bescherten der lebenslustigen jungen Frau eine Menge Verehrer. Sie entschied sich für den schwäbischen Unternehmer Eduard Scharrer und folgte ihm nach Deutschland. Dort erwarb das Ehepaar das damalige Hofgut Bernried, Gut Adelsried und später Gut Höhenried. Man residierte feudal in der Bernrieder Postvilla, die wegen Wilhelmina Busch-Scharrers hundert weißer Pfauen auch „Pfauenvilla“ genannt wurde. Die Eheleute träumten von einem Schloss und lebten genussvoll – und doch hat alles seine Grenzen: Als Minnie von einer Geliebten ihres Ehemanns erfuhr, reichte sie die Scheidung ein und heiratete ihren Leibarzt, Dr. Carl Borchard. Nach der Scheidung von ihm begann sie 1937 mit dem Schlossbau.
Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde der herrschaftliche und doch verspielte Bau mit 60 Zimmern fertiggestellt. Als die USA in den Krieg eintraten, flüchtete Wilhelmina Busch aus ihrem herrschaftlichen Sitz in die Schweiz. Dort war es ihr vergönnt, den richtigen Mann fürs Leben zu finden: Nach Kriegsende kehrte sie an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls Samuel Woods an den Starnberger See zurück. Die beiden erlebten dort luxuriöse Tage und beschäftigten bisweilen bis zu hundert Angestellte. Sie besaßen eine Yacht, mehrere Luxuskutschen, das erste Automobil weit und breit und sogar ein Rudel weißer Damhirsche – eben jene, deren Nachkommen bis heute im Schlosspark weiden. Wilhelmina Busch-Woods und Samuel Woods lebten zwar das Leben der feineren Gesellschaft, erwiesen sich aber sich als anständige Arbeitgeber und genossen hohes Ansehen im Dorf. Entsprechend wurde ihnen das Luxusleben gegönnt. In ihrer Heimat, den USA, sprach man von Busch-Woods derweil als „The Last Queen of Bavaria“.
Mitte der 1940er-Jahre gestaltete das Paar die 88 Hektar großen Parkanlagen auf ihrem Besitz neu und brachte ihn in eine öffentliche Stiftung ein, die ihn als Naturdenkmal erhalten sollte. Das Schloss wird heute für Tagungen und Veranstaltungen genutzt. Auf dem Gelände befindet sich auch die Klinik Höhenried, ein stationäres und ambulantes Reha-Zentrum sowie das Buchheimsche Museum der Phantasie.
Wer sich sozusagen persönlich bei Wilhelmina Busch-Woods und ihrem Gatten für einen schönen Tag im Bernrieder Park bedanken möchte: Das Paar ist im Park bestattet, das Grab ist zugänglich.
Tipps: Die weißen Hirsche freuen sich auch über einen Besuch. Wer Kleingeld dabei hat, kann an einem Futterautomaten erst eine Handvoll Pellets und danach viele neue Freunde mit weißem Fell bekommen. Wem nach einer Abkühlung ist: Entlang des Seewegs von Bernried Richtung Tutzing tun sich immer wieder kleine Badebuchten auf. Unterhalb des Hirschgeheges gibt es einen Badesteg und eine Liegefläche, die man sich, rücksichtsvoll, mit Klinik-Bewohnern teilen darf.
